Industrieunternehmen, wie der US-Baumaschinenhersteller Caterpillar, profitieren vom Bau von Rechenzentren.
Industrieunternehmen, wie der US-Baumaschinenhersteller Caterpillar, profitieren vom Bau von Rechenzentren.   Bloomberg

Wie das Depot der Zukunft aussieht

Künstliche Intelligenz ist ein zunehmend fixer Bestandteil moderner Wertpapierportfolios. Welche Anlagestrategien heimische Privatbanken im Umgang mit dem Thema haben. Und was Kleinanleger daraus lernen können.

06.06.2026 um 16:08 von Raja Korinek Die Presse auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle hinzufügen.

Kaum ein Thema hat das Börsengeschehen in den vergangenen Jahren derart dominiert wie künstliche Intelligenz (KI); eine Technologie, deren Einsatzmöglichkeiten schier grenzenlos sind. Längst geht es nicht mehr nur um die Entwicklung und Programmierung neuer Innovationen, sondern auch um die erfolgreiche Umsetzung der KI in diversen Geschäftsmodellen des Alltags – ein Umstand, der zahlreiche Chancen an der Börse bietet. Das Potenzial haben heimische Top-Privatbanker längst erkannt. Entsprechend positioniert sind auch deren Portfolios, wenngleich die Experten zu einem selektiven Vorgehen raten. Denn zahlreiche Aktienkurse, insbesondere aus der US-Technologiebranche, haben in den vergangenen Jahren schon eine starke Wertentwicklung zurückgelegt, weil die Hoffnungen der Investoren in die KI einen regelrechten KI-Boom ausgelöst haben.

Eine Spekulationsblase sehen Privatbanker allerdings nicht, wenngleich der Jahresstart 2026 durchaus holprig verlief. So sei KI inzwischen eine Basistechnologie, die Produktentwicklung, Prozesse und ganze Geschäftsmodelle verändert, sagt Stefan Neubauer, CEO der Kathrein Privatbank. „Die jüngsten Turbulenzen an den Märkten zeigen aber, dass die Kursentwicklung kurzfristig stark von Stimmung getrieben sein kann.“ Allein die Sorge, dass KI-Agenten künftig die Aufgabe von Programmierern übernehmen könnten, hat Softwareaktien stark unter Druck gesetzt, ergänzt Neubauer.

Große Veränderungen

Doch die Innovationen schreiten voran und führen zu Veränderungen. „Betrachtet man die aktuelle Entwicklung rund um KI, verschiebt sich der Schwerpunkt zunehmend weg von einer reinen Software‑Story hin zu einem breiten realwirtschaftlichen Ökosystem“, analysiert Jürgen Lukasser, Deputy Chief Investment Officer der LGT Bank Private Banking Europe. „Zugleich entstehen entlang der gesamten Wertschöpfungskette neue, strukturelle Wachstumsfelder.“

Auch Wolfgang Ules, Chief Investment Officer von Schelhammer Capital, verweist auf fundamentale Entwicklungen durch KI. Damit werde ein struktureller Wandel eingeleitet, der die Wirtschaft in einer ähnlichen Tiefe verändern dürfte wie das Internet oder die Elektrifizierung. Mit der Zeit wird sich noch mehr herauskristallisieren, wohin die Reise geht, und wohl zu weiteren Kursschwankungen in dem Segment führen. Ules mahnt jedenfalls zur Vorsicht: „Märkte neigen dazu, technologische Durchbrüche früh und teilweise überzogen einzupreisen. Entsprechend kommt es immer wieder zu Korrekturen, wenn Erwartungen und Realität zeitlich auseinanderfallen.“

»Märkte neigen dazu, technologische Durchbrüche früh und teilweise überzogen einzupreisen. Entsprechend kommt es immer wieder zu Korrekturen, wenn Erwartungen und Realität zeitlich auseinanderfallen. «

Wolfgang Ules Schelhammer Capital

Solche Phasen seien aber kein Zeichen für ein Scheitern des Trends, sondern ein typischer Bestandteil von Innovationszyklen. Langfristig führe kaum ein Weg an KI vorbei. „Unternehmen, die solche Technologien nicht integrieren, riskieren strukturelle Wettbewerbsnachteile“, so Ules. Insofern bleibe KI ein zentraler Treiber für Wachstum, Margenentwicklung und letztlich für die Kapitalmärkte.

Entsprechend liegt auch bei den Portfolios der Privatbanker ein starker Fokus auf diesen Entwicklungen, ein Umstand, der sich bislang ausgezahlt hat. Die Kurse großer Branchenfirmen sind nämlich auf der Überholspur (siehe Grafik Seite 13). Vergleicht man den MSCI World Information Technology Index mit dem MSCI World Index sowie mit dem MSCI All Country World ­Index, der auch Aktien aus den Schwellenländern enthält, zeigt sich: „Der Technologiesektor ist der insgesamt am höchsten gewichtete Bereich, wobei es deutliche regionale Unterschiede gibt“, sagt Helmut Siegler, Vorstandsvorsitzender der Schoellerbank. In den USA und den Schwellenländern dominiere Technologie dabei deutlich, während in Europa und Japan – bedingt durch die jeweilige Wirtschaftsstruktur – traditionellere Sektoren wie Finanz- und Industriewerte stärker gewichtet seien.

Vielschichtiges Thema

Die tatsächliche Gewichtung von Unternehmen mit KI-Bezug lässt sich aber nicht mehr so eindeutig ablesen. „Zwar stehen die klassischen KI-Profiteure aus den Bereichen Halbleiter, Speicher und Cloud-Infrastruktur weiterhin im Fokus. Inzwischen setzen aber auch zahlreiche Unternehmen aus Industrie, Gesundheitswesen, Software und Mobilität KI ­gezielt ein, um Prozesse zu optimieren, Effizienz zu steigern und ihre Profitabilität zu verbessern. Dadurch zählen sie zunehmend zu den indirekten Gewinnern der KI-Entwicklung“, so Siegler.

Der Schoellerbank-Chef verweist auf weitere Trends, die inmitten der KI-Euphorie nicht übersehen werden sollten, da sie ebenso Chancen bieten. „Darüber hinaus sollten weniger im Fokus stehende Unternehmen berücksichtigt werden. Dazu gehören Energie- und Versorgungsunternehmen, die den steigenden Strombedarf decken, sowie Industrieunternehmen, die die notwendige Infrastruktur für KI-Anwendungen bereitstellen.“ Siegler schlüsselt insgesamt den Investmentansatz in seinem Haus näher auf und sagt: „Innerhalb der jeweiligen Risikokategorien verfolgen wir einen gleichgewichteten Ansatz, sodass es keine systematischen Unterschiede in der Gewichtung einzelner Positionen gibt.“

»Die KI wird von einem reinen Software- und Datenthema zu einem realwirtschaftlichen Phänomen. Gefragt sind leistungsfähige Rechenzentren, moderne Stromnetze, dezentrale Stromerzeugung, Speicherlösungen sowie Technologien für Kühlung und Netzstabilität.«

Jürgen Lukasser LGT Bank Private Banking Europe

Ähnlich fällt die Einschätzung bei der LGT Bank Private Banking Europe aus. Lukasser sagt: „Derzeit fließen enorme Mittel in Rechenzentren und Energieversorgung, um die Grundlage für breitere Produktivitätsgewinne in vielen Branchen zu legen.“ Der Strombedarf von Rechenzentren dürfte sich bis 2030 im Vergleich zu heute dabei mehr als verdoppeln und damit rund fünfmal schneller wachsen als die globale Stromnachfrage insgesamt. Für Lukasser steht deshalb fest: „Damit wird KI von einem reinen Software- und Datenthema zu einem realwirtschaftlichen Phänomen. Gefragt sind leistungsfähige Rechenzentren, moderne Stromnetze, dezentrale Stromerzeugung, Speicherlösungen sowie Technologien für Kühlung und Netzstabilität.“ Darin sehe man einen strukturellen Investitionszyklus, der sich über viele Jahre erstrecken dürfte, unabhängig von kurzfristigen Turbulenzen an den Börsen.

Und wie lauten die Einschätzungen in anderen Häusern? Robert Karas, Chief Investment Officer und Partner der Bank Gutmann, verweist auf die aktuelle Aktienaufteilung in den Musterportfolios in seinem Haus. Demnach habe nicht ganz ein Drittel der Unternehmen in der Kernaktienstrategie einen KI-Bezug. Dabei werde versucht, die Wertschöpfungskette in vielen Bereichen abzudecken. „Dazu zählen die Chip-Designer für GPUs und Netzwerkkomponenten wie Nvidia, Broadcom und Marvell.“ GPU steht für Graphics Processing Unit. Es handelt sich um sehr leistungsfähige Halbleiter.

Anleihen als Alternative

Doch damit ist nicht Schluss. Karas hat auch sogenannte Hyperscaler im Fokus. Es handelt sich dabei um Betreiber sehr großer Cloud-Infrastrukturen, die reichlich Rechen-, Speicher- und Netzwerkkapazitäten bereitstellen. Karas hebt in diesem Zusammenhang etwa Amazon, Microsoft und Google hervor. Und dann gibt es freilich Industrieunternehmen, die maßgeblich vom Bau der Rechenzentren profitieren, wie Caterpillar oder Eaton. Ein wenig Vorsicht lässt der Privatbanker beim Software-Sektor walten, der derzeit schwer einzuschätzen sei. „Während wir bisher keine signifikante Abschwächung des Geschäfts sehen, wächst die Sorge vor Disruption.“ Immer öfter übernehmen KI-Agenten Programmierungen, wodurch entsprechende Aufträge an Softwarefirmen zunehmend ausbleiben könnten.

»Anleger sollten sich etwa fragen, ob die Verschuldung dazu genutzt wird, um produktive Anlagen mit langfristiger Ertragskraft
aufzubauen.«

Robert Karas Bank Gutmann

Doch nicht nur der Aktienmarkt bietet Chancen. Auch den Anleihemarkt behalten Privatbanker im Auge. Neubauer von der Kathrein Privatbank sagt, dass der Markt für Unternehmensanleihen aus dem Technologiesektor derzeit eine historische Zäsur erlebe. 2025 erreichten die Emissionen an den Anleihemärkten ein Rekordhoch. Für das erste Quartal 2026 wird ein Volumen von mehr als 150 Milliarden Dollar erwartet. „Getrieben durch eine Steigerung der Investitionsausgaben um etwa 80 Prozent, fließen die Mittel primär in den Ausbau von KI- und Cloud-Infrastruktur. Schwergewichte wie Alphabet, Amazon und Oracle haben im laufenden Jahr bereits mehr als 100 Milliarden Dollar an Anleihen emittiert.“

Differenziertes Vorgehen

Neubauer verweist auch auf rekordverdächtige Platzierungen. „Ein Signal für das große Marktvertrauen war die Platzierung einer 100-jährigen Anleihe von Alphabet, die Teil eines 31,5-Milliarden-Dollar-Pakets und damit zugleich die erste ‚Century Bond‘-Emission eines Technologiekonzerns seit 1997 war.“ Der Kathrein-Privatbankexperte meint, dass Emittenten im Investment­Grade-Bereich, also in jenem Segment, in dem Schuldner als solide betrachtet werden, das sinkende Zinsumfeld nicht nur für Expansion, sondern auch zur Refinanzierung und für Aktionärsrenditen nutzten. „Die hohe Cash-Generierung dieser Unternehmen stützt die Kreditprofile, während die Schulden durch produktive Sachwerte, etwa KI-Rechenzentren, unterlegt sind.“

Dennoch sollten Anleger differenzierter als am Aktienmarkt vorgehen. Dazu rät Gutmann-Experte Karas. Er verweist auf den Umstand, dass der KI‑Ausbau kapitalintensiv sei, und viele Unternehmen ihre Investitionen mit Fremdkapital finanzieren. „Entscheidend ist daher die Emittentenqualität. Anleger sollten sich etwa fragen, ob die Verschuldung dazu genutzt wird, um produktive Anlagen mit langfristiger Ertragskraft aufzubauen.“ Karas meint aber auch, dass es dann kritisch werde, wenn hohe Schulden auf noch unbewiesene Geschäftsmodelle oder zyklische Cashflows treffen.

Alles in allem forcieren immer mehr Firmen zahlreiche Innovationen kräftig und werden auch von den Kapitalmärkten längst wahrgenommen. „Entscheidend ist jedoch ein disziplinierter und diversifizierter Investmentansatz, der sowohl die Chancen technologischer Innovationen nutzt als auch die Risiken begrenzt“, betont Robert Löw, Vorstandsvorsitzender der Liechtensteinischen Landesbank Österreich.

Doch wie gehen die Privatbanken selbst mit dem Thema KI um? „In der Kundenberatung steht für uns weiterhin der persönliche Austausch im Zentrum. Technologie, einschließlich datenbasierter Werkzeuge und, wo es sinnvoll ist, KI-gestützter Anwendungen, soll unsere Berater vor allem unterstützen, etwa indem Informationen schneller aufbereitet oder administrative Abläufe vereinfacht werden“, betont Lukasser von der LGT Bank Private Banking Europe.

»Spätestens wenn es um größere Anlagevolumina oder das Familienvermögen geht, wünschen sich auch junge Kunden eine persönliche Begleitung.«

Helmut Siegler Schoellerbank

Auch bei der Schoellerbank setzt man sich damit auseinander. Siegler sagt: „In unserer Zukunftsstrategie setzen wir auf die Kombination aus Tradition und Innovation.“ Das traditionelle Bankgeschäft werde durch moderne Technologien und ausgewählte digitale Anwendungen ergänzt. KI werde insbesondere dazu eingesetzt, administrative Tätigkeiten zu reduzieren und zusätzliche Kapazitäten für die persönliche Beratung zu schaffen. Der Privatbanker blickt auf seine Erfahrungen zurück und meint: „Spätestens wenn es um größere Anlagevolumina oder das Familienvermögen geht, wünschen sich auch junge Kunden eine persönliche Begleitung. Zudem steigt die Komplexität mit dem Vermögen.“ Dabei gehe es etwa um Fragen zur Nachfolge oder Absicherung. Sie ließen sich nicht mit einem Algorithmus beantworten. „So entstehen Strategien, die nicht auf kurzfristige Trends reagieren“, sagt Siegler. Vielmehr seien diese auf langfristige Werte und Verantwortung ausgerichtet.

Und wie sieht es etwa bei der Liechtensteinischen Landesbank Österreich aus? Auch hier gibt es eine klare Tendenz, die Löw hervorhebt: „Im Private Banking ist der Wunsch nach persönlicher Beratung und Betreuung auch bei der jüngeren Generation ungebrochen hoch.“ Ergänzt werde dies allerdings durch ein leistungsfähiges digitales Angebot, das man in der nächsten Entwicklungsstufe mit KI-Agents bzw. Chatbots und deren Dienstleistungen komplettieren werde.

Mehr dazu Interview

„Die Märkte reagieren heute viel schneller als früher“

von Susanne Bickel

Dramatische Signale vom globalen Anleihenmarkt

von Stefan Riecher

Mit der steigenden Inflation Geld verdienen

von Raja Korinek